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Episode 8

Was bisher geschah:

Das erfolgreiche Ehepaar Martin und Sabine Schönbeck freute sich auf ihren Jahresurlaub. Endlich einmal mit der gesamten Familie Zeit verbringen und den stressigen Alltag hinter sich lassen. Doch der Abreisetag hielt einige Überraschungen parat. Zunächst musste eine widerspenstige Teenagerin vom Mitkommen überzeugt werden und dann gab es auch noch Stau auf dem Weg zum Flughafen Tegel. Kurz bevor der Flieger abheben sollte, erreichten sie den Check-In-Schalter, nur war man da nicht mehr bereit sie reinzulassen.

»Ick hab die Rejeln ja nich jemacht«

»Was soll das heißen, die lassen uns nicht mehr mitfliegen?« fragte ein total fassungsloser Martin, als er endlich den Schalter erreichte.
»Det heißt, Sie können nich mehr mitfliejen, janz einfach. Wir ham´ den Check-In für den Flug nach Lamezia Terme bereits abjeschlossen juter Mann«, bekam er von dem Mitarbeiter der Fluglinie, der bräsig in seinem Stuhl hinter dem Counter thronte, zu hören.

»Jetzt seien Sie doch mal nicht so. Der Flug geht doch erst in einer halben Stunde«, versuchte es Martin beschwichtigend.
»Doch, da bin ick aber mal so. Ham´Se mal uff ihren Flugscheen jekiek, wenn Sie hier vor Abflug bei uns zu sein ham´?«, konterte der Mitarbeiter in der so beliebten Berliner Art.
»Ja, aber der Verkehr! Ich hab doch alles in meiner Macht stehende getan, um hier noch pünktlich zu erscheinen.«
»Ham´Se nich, sonst wärn´Se früher losjefahn und überhaupt, die Ausrede kenn ick schon.«
»Ach, von wegen Ausrede. Sie verweigern uns also den Flug, ja?«
»Juter Mann, selbst wenn ick wollte, aber ick hab die Rejeln ja nich jemacht, wissen´Se?«

Martin schüttelte den Kopf. Sabine blickte ihn fragend an, sie war bedient. Und Dorothea? Nun, die hatte sich auf eine Bank gesetzt, gnautschte auf ihrem Kaugummi. Martin meinte für einen kurzen Moment ein Lächeln über ihr Gesicht huschen zu sehen. Während seine Tochter gerade wieder eine fulminante rosarote Kaugummiblase machte und platzen ließ, kam ihm eine Idee.

»Familie«, begann er. »Folgt mir, wir haben einen Flug zu bekommen!«
Sabine war baff. Der Fluglinienangstellte ebenso und Dorothea verschluckte sich an ihrem Kaugummi und musste husten.

Er wandte sich wieder direkt an den Mann hinter dem Schalter.
»Hören Sie, ich möchte mein Gepäck aufgeben und mit dem nächsten Flug nachschicken lassen.«
»Det macht aber extra, wa.«
»Das ist mir jetzt Piepegal. Schicken Sie mir doch einfach bitte die Rechnung.«
»Is jut, Sie sind der Kunde und der hat bekannlich immer Recht, wa.«

Für einen kurzen Moment zweifelte sie am Geisteszustand ihres Mannes

Martin übergab dem Mann die drei Koffer der Familie und setzte sich Richtung Sicherheitsschleuse in Bewegung. Sabine und Dorothea schauten ihm hinterher.
»Was ist? Kommt ihr jetzt? Oma und Karl warten doch auf uns in Italien.«
Sabine hörte, was er sagte und er schien völlig zuversichtlich zu sein. Für einen kurzen Moment zweifelte sie an dem Geisteszustand ihres Mannes. Wird wohl heute doch etwas zu viel Stress für ihn gewesen sein, dachte sie, aber griff dennoch Dorothea bei der Hand und beide folgten dem Häuptling. Wenn er schon untergeht, dann soll er seine Lieben wenigstens hinter sich wissen, dachte Sabine.

Sie waren jetzt tatsächlich im Sicherheitsbereich. Gut, dahin kam man auch noch ohne Ticket, zumindest in Tegel. Doch würden sie auch in das Flugzeug kommen? Gleich würde Sabine es wissen, schließlich war das Boarding beinahe abgeschlossen und vor ihnen waren nur noch wenige Passagiere, die ihr Ticket vorzeigen mussten. Dann war Martin an der Reihe. Jetzt war also alles aus. Gleich holen sie ihn ab. Sabine begann rot zu werden.

»Schönen guten Tag, Ihr Flugticket und Ihren Pass bitte«, säuselte die Dame der Airline, die jetzt nur noch zwischen ihnen und dem Urlaub stand. Martin griff in seine Jackentasche und holte sein iPhone hervor. Lässig zeigte er der Fluglinienmitarbeiterin seine Online Boardkarten, die er sich gestern auf sein Handy hatte schicken lassen, man weiß ja schließlich nie.
Die Frau lächelte zufrieden und wünschte der Familie einen angenehmen Flug.
Innerlich dankte Martin seinem Reisebüro, das ihn bei der Buchung auf diese technische Möglichkeit hingewiesen hatte.

In der Gangway fiel ihm Sabine um den Hals und gab ihm einen Kuss. Selbst Dorothea schien nun nicht mehr so miesepieplig drauf zu sein, ja, sie war in diesem Moment sogar ein wenig Stolz auf ihren Vater, der in ihren Augen coole Moves mit technischen Krimskrams drauf hatte.

Die Autostrada Salerno Reggio Calabria

Als sie in ihrer Dreierreihe im Flugzeug Platz genommen hatten fühlte sich Martin ausgesprochen gut. Wie oft geht man im Leben als Verlierer aus solchen Situationen? Zu oft, befand er, aber eben nicht immer. Nicht heute! Er hatte ein breites Grinsen auf dem Gesicht und legte den Arm um seine Tochter. Dorothea rollte zwar mit den Augen, aber auch sie genoss den Moment – zumindest ein bisschen.

Nach knapp zweieinhalb Stunden Flugzeit erreichten sie den kleinen Flughafen in Süditalien, und während die anderen Gäste noch auf ihr Gepäck warten mussten, spazierten Schönbecks in aller Seelenruhe zu ihrem Mietwagen, den Martin zuvor im Internet günstig gebucht hatte.

Das wenige Handgepäck, das sie hatten, fand in dem geräumigen Ford Galaxy ausreichend Platz. Zur Feier des Tages durfte Dorothea dann auch ihren iPod ans Autoradio anschließen. Zerknirscht lächelnd nahmen Sabine und Martin die zuckersüßen Klänge von Miley Cyrus hin, während Dorothea zufrieden auf dem Rücksitz die Beine übereinanderschlug und draußen die beeindruckende Berglandschaft Kalabriens vorüberrauschte.

Die Autostrada Salerno Reggio Calabria (Martin liebte es, diesen Straßennamen mit nachgeäfften italienischen Akzent auszusprechen) brachte sie ihrem Ziel, Parghelia, wo sie Mathilda und Karl vom Hotel Santa Lucia abholen wollten, bevor sie alle das Familienhotel Rocca Nettuno Garden beziehen würden, rasch näher.
Dann platzte der hintere rechte Reifen …

Fortsetzung folgt


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