episode7-parghelia

Episode 7

Was bisher geschah:

Mathilda war mit Enkelsohn Karl bereits in den Urlaub nach Kalabrien vorgeflogen. Kleinere und größere Katastrophen gab es in den vergangenen sechs Tagen zur Genüge. Karl leidet an ADHS und Oma Mathilda spielt die Feuerwehr. So wie heute Nachmittag, nachdem Karl einem anderen Jungen eine verpasst hatte und der wütende Vater des Kleinen die Tat gesühnt sehen wollte. Mathilda hatte darin mittlerweile Übung und natürlich liebte sie ihren Enkel über alles. Doch als sie sich gerade zu Bett begeben wollte, stellte sie fest, dass sein Bett leer war …

Der kleine Karl entführt?

Das Herz schlug Mathilda bis zum Hals. Ihr Körper schüttete gerade massig Adrenalin aus und ließ sie hellwach werden. Die dösige Wirkung des Weines war wie weggepustet. Sie durfte jetzt nicht den Kopf verlieren. Denk nach Mathilda, wo könnte sich Karl aufhalten? Er spielt ihr bestimmt nur einen Streich und kommt gleich aus dem Bad gesprungen und sie wird dann ganz überrascht tun und den Kleinen in ihre Arme schließen.

Nichts, das Badezimmer war leer. Nicht einmal mehr das Kondenswasser an der Duschtür war zu sehen. Einzig das aufgeblasene Spielzeugflugzeug von der Flugbörse lag traurig in der Ecke, zurückgelassen von seinem Spielkameraden.

Schlimme Gedanken kamen in hier hoch. Das Bild von diesem kleinen Mädchen, das vor ein paar Jahren aus einem Hotel in Portugal geraubt wurde, sauste vor ihrem inneren Auge vorbei. Der kleine Karl entführt? Was sollte sie den Eltern sagen? Mathilda rang um Fassung. Sie konnte nichts für ihr Kopfkino, so war sie immer schon gewesen. »Geh vom Schlimmsten aus und du wirst nicht überrascht werden«.

Diese schwachsinnige Mahnung ihrer Mutter hatte einfach ihre Spuren hinterlassen. Doch die half ihr jetzt nicht. Weder die eigene Mutter, noch ihre Lebensweisheiten. Da war ein kleiner Junge, der jetzt ganz dringend ihre Hilfe benötigte.

Sie riss sich zusammen, atmete tief durch. Einmal. Dem Jungen geht es gut. Zweimal. Gleich wird er schreiend ins Zimmer gerannt kommen, wie er es so oft und gerne tut und seine Oma damit zur Weißglut bringt. Dreimal. Er schlief doch sonst die Nächte immer durch. War zwar meist immer sehr früh wach, aber in der Nacht schlief er, oder? Viermal. Vielleicht wurde er wach, hat mich nicht finden können und sucht mich jetzt gerade. Sechsmal. Ist die Hotelzimmertür etwa nur angelehnt? Mathilda stieß ein siebtes und letztes Mal den Atem aus. Das war es. Die Tür war nicht komplett geschlossen. Sie war offen!

Mathilda machte einen Satz und befand sich einen Moment später auf dem Flur des Hotels Santa Luciawieder. Sie hatten das letzte Zimmer auf dem Gang, also konnte er nur rechts runtergelaufen sein. Sie machte sich auf den Weg, blickte dabei in jede noch so dunkle Ecke des Hotels. Keine Spur von ihrem Enkel. Was war sein liebster Ort hier in dieser Woche gewesen? Denk nach! Natürlich, der Pool!

Er war übermäßig viel trinkende Touristen gewöhnt

Als Mathilda sich dem Chlorteich (sie mochte keine Pools und zog ein Bad in echten Gewässern vor) näherte, hörte sie wieder dieses unangenehm laute Gackergelache, das sie bereits auf dem Balkon vernahm und das sie immer wieder aus ihrer romantischen Abendstimmung riss. Einen Augenblick später erkannte sie, zu wem dieses ordinäre Lache gehörte. Sie hatte eine große Runde erwartet, in der es bei einer solchen Lautstärke extrem spaßig zugehen musste, doch sie irrte sich. An der Poolbar saß nur noch ein einziges Pärchen, dem wiederum selbst der Barkeeper seinen Rücken zukehrte. Er polierte seine Gläser. Mit Sicherheit sah er sich bereits zu Hause in den Armen seiner Frau und blendete die Szenerie völlig aus, war er doch übermäßig viel trinkende Touristen gewohnt. Bei dem Pärchen handelte es sich tatsächlich um die Eltern des kleinen Jungen, dem Karl noch am Nachmittag eine geklebt hatte und die Weinflasche die die beiden da tranken ging ja auf Mathildas Kosten.

Für ein Kopfschütteln fehlte ihr in diesem Moment der Nerv. Rasch blickte sie von der Bar hinüber zum Pool, der sich nunmehr im Dunklen befand und einzig durch wenige Unterwasserscheinwerfer erleuchtet wurde. An dem Pool erkannte sie eine kleine Gestalt im Pyjama. Es war Karl, der da gefährlich nahe an der Wasserkante entlang balancierte! Mathildas Herz machte einen Sprung. Sie war überglücklich den Jungen wohlauf zu sehen. Noch ein letztes Mal nahm sie an diesem Abend Tempo auf. Das war auch nötig, denn der Junge schien doch ein klein wenig unsicher auf den Beinen zu sein. Karl konnte nur leidlich schwimmen. Mathilda hatte im Urlaub immer wieder mit ihm geübt, doch der Knoten wollte einfach nicht platzen. Gerade als sein nächster Schritt die sichere Wässerung bedeutet hätte, griff Mathildas Hand seinen Arm und wirbelte ihn zu sich herum.

»Haben Sie sich nicht unter Kontrolle, oder was?«

Karl erschrak. Mathilda erschrak! In diesem Moment war ihr alles klar und sie erinnerte sich an ihren Sohn, Martin, und wie er als Kind diese Schlafwandlerphase hatte. Trotz Tiefschlaf irrte er des nächtens durch die Wohnung und schmiss nicht selten dabei Vasen um. Besonders heftig war es, als sie mit ihm einmal Urlaub im Schwarzwald machte. Dort, in Straßer´s Landgasthaus Rössle, einer Institution im beschaulichen Friedenweiler-Rötenbach, stürzte der Filius eines Nachts gar die Treppe hinunter und brach sich den Arm. Zu Hause hatte sie damals alle scharfkantigen Möbel gepolstert und hielt Türen und Fenster nachts geschlossen, aber in ihrem Schwarzwalddomizil war sie einfach unaufmerksam gewesen und machte sich schwere Vorwürfe. Weitere Wanderungen durch den sehr nahe zum Hotel gelegene Naturpark Schwarzwald fielen damals aus und Martin schien darüber gar nicht so traurig gewesen zu sein.

Das war nun bereits 33 Jahre her. Mathilda hatte es längst vergessen gehabt. Offensichtlich hat sich das Schlafwandeln vom Vater auf den Sohn vererbt.

Mathilda lächelte. Ihre Alarmsysteme fuhren wieder runter. Der Bengel lässt auch nichts aus, dachte sie. Sie streichelte über seinen blonden Schopf, sprach ihm gut zu und nahm ihn auf die Arme. Nur wenige Augenblicke später fühlte er sich bereits wie ein nasser Sack an und Mathilda bemerkte zufrieden, dass er wieder eingeschlafen war. Doch eines konnte sie sich dann doch nicht verkneifen. Als sie bepackt mit dem Jungen an der Poolbar vorüberlief, wo sich das lautstarke Pärchen noch immer den schweren Lambrusco reinhalf, erhob sie ihre Stimme:

»Sie sollten sich schämen! Während sie hier das ganze Hotel unterhalten und sich betrinken, wäre mein Enkel beinahe im Pool ertrunken. Vor ihren Augen! Schöne Eltern sind Sie mir. Haben Sie sich nicht unter Kontrolle, oder was?«

Das Gelächter verstummte und die Beiden blickten voller Scham zu der älteren Dame hinüber. Diese ging eleganten Schrittes, ohne das sie sich dabei das Gewicht des Kindes anmerken ließ, weiter in Richtung ihres Zimmers.

Fortsetzung folgt


Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>