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Episode 5

Was bisher geschah:

Max hatte gerade seine letzte Prüfung an der Uni geschrieben und der Sommer wartete auf ihn. Es sollte seine letzte unbeschwerte Zeit werden, bevor er im Herbst ein Referendariat aufnehmen würde. Doch die Leichtigkeit war dahin, als ihm seine Freundin eine Affäre mit dem besten Freund gestand. Der Anlass zur Flucht war gegeben doch die Ursachen lagen tiefer als nur die Enttäuschung durch die bisherige Herzdame. Wollte er wirklich Lehrer werden? Warum planten seine Eltern seinen Lebensweg und nicht er? Für den Moment war ihm all das zu viel und er stieg in den Flieger mit Ziel Barcelona. Dort angekommen entledigte er sich seines Gepäcks und spülte all die Sorgen mit zu viel Bier und Schnaps hinunter. Neben einem üblen Kater überraschte ihn am Morgen danach ein dunkler Lockenkopf in seinem Bett. Wer war Sie?

Was ist nach dem Kneipenbesuch passiert?

Der Schreck ließ seinen Blutdruck und damit das Hämmern hinter seiner Stirn ins Unermessliche steigen. Der starre Blick seiner geröteten Augen ruhte auf dem dunklen Lockenkopf neben ihm. Das Weckintervall seines Handys war mittlerweile auf dem höchsten und damit unangenehmsten Level angekommen, doch seine Schockstarre verbot ihm jegliche Intervention gegen diesen infernalen Höllenlärm. Wer zum Teufel war sie und warum liegt sie hier neben ihm in seinem Bett? Himmel, hat sie überhaupt etwas an? Was ist nach dem Kneipenbesuch denn passiert? Er wusste es nicht. Blackout. Filmriss. Aussetzer. Nix.

»Verdammt noch mal Max, mach doch endlich mal deinen Wecker aus!«, sagte der dunkle Lockenkopf, während er sich in Richtung Max drehte. Dessen Augen weiteten sich in diesem Moment noch ein ganzes Stück und verliehen ihm so einen geradezu exaltierten Gesichtsausdruck, auf den jeder Regisseur des deutschen expressionistischen Films der Stummzeitära stolz gewesen wäre. Nicht so der Lockenkopf. Während sie erbost an Max vorbeilangte, um das Handy zu greifen, bemerkte er immerhin, dass sie doch Kleidung trug. Das beruhigte ihn ein ganz klein wenig. Die Existenz seiner Boxershorts konnte er ebenso bestätigen.

Nachdem der Radau des Weckers zum Schweigen gebracht wurde, war es plötzlich totenstill im Hotelzimmer. Das Mädchen hatte sich wieder auf ihre Bettseite gerollt. Zwei verschlafene braune Augen musterten ihn jetzt. Eingebettet zwischen ihnen war eine kleinen Stubsnase und oberhalb des rechten Mundwinkels befand sich ein kleiner Leberfleck. Genau so einer, der durch Marylin Monroe und Cindy Crawford berühmt wurde. Das Mädchen war recht zierlich, soweit Max das beurteilen konnte. Doch hübsch, ja, wirklich hübsch. Ein minimaler Anflug von Stolz, darüber ein solches Mädchen ins Bett bekommen zu haben, huschte durch seine verkaterten Hirngänge und sauste so rasch wieder vorbei, wie er gekommen war. Nein, so etwas hatte er noch nie erlebt und es machte ihm Angst. Der vollkommene Kontrollverlust und dann noch ein Mädchen am ersten Abend abschleppen? Wie nannte man das? Ah ja, One-Night-Stand! Hatte er von gehört, aber ins Reich der Fabel verwiesen. Für ihn undenkbar.

“Und? War ich gut gewesen?”

Notiz nehmend von seiner offensichtlichen Verwirrung beendete sie dieses Standbild, indem sie ihn knapp fragte: »Und? War ich gut gewesen?«
Max entwich ein kurzer schriller Schrei und das Mädchen mit dem Leberfleck begann zu kichern.
»Nein, keine Sorge, es ist nichts passiert, aber jetzt mal im Ernst Max, so wie du guckst, scheinst du dich an überhaupt nichts von gestern Nacht zu erinnern.«

Max errötete, was aber wirklich nicht weiter auffiel, da seine Gesichtsfarbe durch den nächtlichen Alkoholmissbrauch sowieso in diese Richtung ging. Das war peinlich, doch Max entschied sich, da nun enttarnt, mit der gesamten Wahrheit rauszurücken.

»Entschuldige«, stammelte er. »Ich erinnere mich wirklich nur noch an die lustige Runde in dieser Bar und dann reißt bei mir der Faden. Verzeih, wenn ich mich wie der letzte Idiot verhalten habe…vielleicht starten wir noch einmal von vorne. Wie ist dein Name? Meinen kennst du ja offenbar bereits.«

Das Mädchen lächelte.

»Hilfe, Max! Das ist wirklich strange und mir bisher noch nie passiert. Da erfahre ich beinahe alles über dich und wir reden bis zur Morgendämmerung und dann darf ich mich noch einmal vorstellen? Also gut, ich bin Anna.«

»Entschuldige Anna, das tut mir wirklich leid, aber ich hatte noch nie einen Blackout in meinem Leben und jetzt scheinen mir ganze Stunden zu fehlen. Verdammt, dieser scheiß Alkohol«, verteidigte sich ein am Boden zerstörter Max, der aber immerhin noch den Mut fand zu fragen, wie es nach der Bar weiter ging.

Anna nahm es locker. Sie berichtete davon, wie sie ihn auf der Straße aufgegabelt hatte. Er wirkte so schutz- und orientierungslos auf sie, und da sich ihm bereits ein Grüppchen zwielichtig erscheinender Gestalten näherte, hakte sie sich kurzerhand bei ihm unter und führte ihn zu seinem Hotel. Er stammelte irgendwas von Lloret de Mar, aber Anna begriff rasch, dass es sich um das Hotel del Mar handeln musste. Nein, total betrunken hatte er nicht auf sie gewirkt, aber sie als Erasmusstudentin war natürlich auch nicht ungetrübt unterwegs. Im Zimmer angekommen habe er ihr sein Herz ausgeschüttet. Sie hörte sich alles an und konnte mit eigenen Erfahrungen seinen Zweifel für den Moment zerstreuen. So wie er jetzt, brach Anna nach dem Abitur aus.

Trinidad und Tobago

Für sie ging es für ein Jahr nach Trinidad und Tobago in die Südkaribik. Möglichst weit weg von ihren Eltern und dem Kleinbürgertum ihres Heimatkaffs. Sie heuerte im wunderschönen Hotel Nabucco Resort Speyside Inn auf Tobago an und wurde dort zum Mädchen für alles. Ihr gefielen das karibische Flair und die interessanten Weltenbummler, die sie dort kennenlernte. Doch irgendwann ging ihr das tropische Klima gehörig gegen den Strich. Sie hätte es nie für möglich gehalten, dass sie sich einmal auf einen richtigen Winter freuen würde. Der Aufenthalt auf Tobago und die Arbeit in dem Hotel hatten ihr Blickfeld fürs Leben geweitet. Sie kehrte nach Deutschland zurück und nahm ein Touristikstudium auf. Mit ihren Eltern verstand sie sich plötzlich auch bestens. Doch für immer Deutschland? Nein, das würde sie nicht fertig bringen und von daher bietet sich ein Erasmusjahr in Barcelona ja geradezu an.

Max lauschte ihr aufmerksam. Er mochte es wie ihre rehbraunen Augen nach Aussagesätzen immer in die oberen linken Ecken kullerten. Seine Kopfschmerzen hatten sich ein wenig gelegt und ja, er verspürte sogar ein wenig Appetit. Weitere Fragen, wie die, wie sie letztlich in seinem Bett gelandet sei, könnten ja auch bei einem Frühstück noch geklärt werden.

Als Max gerade in seine Jeans schlüpfen wollte, bemerkte er einen Zettel, der aus der linken hinteren Hosentasche ragte. Er nahm ihn in die Hände und faltete ihn auseinander. »Balearia« war dort zu lesen und zwei Orte. Barcelona und Alcudia. Versehen mit dem Datum von heute. Er blickte Anna fragend an.

»Max! Jetzt sag bloß, daran kannst du dich auch nicht mehr erinnern.«

Fortsetzung folgt


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