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Episode 4

Martin Schönbeck trommelte nervös mit seinen Fingern auf dem Lenkrad. „Verdammter Berliner Straßenverkehr“, wiederholte er mantraartig. Ganze sechzig Minuten verblieben ihm, seiner Frau Sabine und Tochter Dorothea noch, um den Flieger nach Lamezia Terme zu bekommen. Die Anspannung im Wagen war deutlich zu spüren, denn der zähe Stopp-and-Go-Verkehr auf der B96 im Berliner Wedding, brachte sie ihrem Ziel, dem Flughafen Tegel, immer nur ein kleines Stückchen näher. Einzig Tochter Dorothea wirkte von der Spannung unbeeindruckt. Sie hatte ihren iPod auf den Ohren, blickte aus dem Fenster und ließ dann und wann beeindruckende Kaugummiblasen platzen.

»Martin, was passiert, wenn wir das Flugzeug verpassen sollten?«, fragte Sabine ihren Mann.
»Da mach dir mal keine Sorgen, Schatz. Wir werden den Flieger nicht verpassen«, versuchte er sie und sich gleichermaßen zu beruhigen.

Teenager + Pubertät = Chaos

Dabei sollte dieser Abreisetag, ein Sonntag, eigentlich komplett stressfrei ausfallen. Die Ausgangslage war günstig. Sohn Karl war bereits seit einer Woche mit Martins Mutter Mathilde in Italien, was für die Reisevorbereitungen ungemein entspannend war. Der Flug ging erst gegen 13:15 Uhr – die ungemütliche Morgenhektik konnte dadurch vermieden werden. Das Reisegepäck hatten Martin und Sabine bereits am Vorabend gepackt. Doch dann kam wieder alles anders. Dorothea trat erfolgreich in die Fußstapfen ihres jüngeren Bruders und sorgte für gewisse Disharmonien. Der Teenager eröffnete den Eltern, dass sie nicht gedenke, an der Fahrt teilzunehmen.

»Leute, ich kann nicht mitkommen. Hatte eh die ganze Zeit keinen Bock darauf mit euch im Urlaub zu chillen, doch es ergab sich ja nichts Besseres. Jetzt steigt nächste Woche aber die große Party bei Franzi. Die kann ich nicht verpassen!«, teilte sie ihren Eltern trocken am Frühstückstisch mit. Die waren nicht begeistert, doch Sabine wusste, jetzt laut zu werden, würde die Situation nur verschlimmern. Sie hatte da ihre Erfahrungen mit der pubertierenden Tochter gemacht.

»Thea, das ist jetzt aber unfair von dir. Ich meine, ich kann ja verstehen, dass du viel lieber mit deinen Freunden etwas unternehmen willst, als mit deinen uncoolen Eltern, aber wir hatten das doch geklärt gehabt mit dem Urlaub. Dieses Jahr kommst du noch einmal mit uns mit und nächstes Jahr darfst du mit Franzi und den anderen eine Ferienfahrt unternehmen. Jetzt komm, Oma und Karl freuen sich doch auch schon auf dich«, sagte Sabine, die merkte, dass ihr Mann sich gerade mächtig zusammenreißen musste.

Abschimmeln im Stiefelland?

»Ich könnte echt abgallen! Während also meine Freunde Spaß in den Sommerferien haben, schimmel ich mit euch da in dem Stiefelland ab, ja?«, erwiderte eine beinahe schon hysterische Tochter.
Das war dann der Moment, wo Vater Martin der Kragen platzte. Theatralisch schlug er mit der Faust auf den Küchentisch. Das Geschirr klapperte, Sabine zuckte zusammen und während ihm noch Reste seines Leberwurstbrötchens im Mundwinkel hingen, gipfelte seine Frustration über die quengelige Tochter in einer sehr lauten Ansage:

»DOROTHEA! DU BIST 15 JAHRE ALT, AlSO FAST NOCH EIN HALBES KIND! OB ES DIR PASST ODER NICHT, BIS ZUR VOLLJÄHRIGKEIT HABEN WIR HIER DAS SAGEN! DU WARST MIT DEM URLAUB EINVERSTANDEN UND BASTA. HIER UND JETZT WIRD ES KEINEN RÜCKZIEHER GEBEN, HABEN WIR UNS DA VERSTANDEN, JUNGE DAME?!«

Dorothea hatte verstanden. Zumindest hatte sie kapiert, dass weitere Widerworte für den Blutdruck des Vaters nicht gut wären. Wortlos stand sie auf und verschwand in Richtung ihres Zimmers.

»UND PACK DEINE SACHEN FERTIG. IN ZWEI STUNDEN IST ABFAHRT!«, rief ihr Vater ihr noch hinterher. Sie quittierte dies lediglich mit einer sehr kraftvoll zugeschlagenen Tür, die die gesamte Wohnung erzittern ließ.
Sabine blickte Martin an und schüttelte nur mit dem Kopf. Er spürte dies zwar, schaute aber patzig geradeaus und mampfte apathisch an den Resten seines Brötchens.

Jack Bauer lässt grüßen

Es waren noch 45 Minuten bis zum Abflug, als Martin in den Saatwinkler-Damm einbog und endlich den zähen Verkehr hinter sich lassen konnte. Er gab nun ordentlich Gas und nahm mögliche Erinnerungsfotos billigend in Kauf. Doch er hatte Glück, die Weißen Mäuse waren wohl gerade woanders auf Beutefang unterwegs.

Mit Karacho preschte er in den wabenähnlichen Innenbereich des Flughafens Tegel und leistete sich dabei noch einige wilde Hupkonzerte mit den obligatorisch miesepiepligen Berliner Taxifahrern, bevor er den Wagen vor Gate 9 zum stehen brachte. Rasch sprang er aus dem Auto und befreite es von seiner Fracht. Der dynamische Werber war nun ganz in seinem Element. Einen ruhigen Kopf bewahren, trotz stressiger Situation – dass kannte er aus seinem Job nur allzu gut.

Die Situation mit seiner Tochter hatte er vor Abfahrt dann auch in guter Jack-Bauer-Manier gelöst. Zuerst baute er ein Angstszenario auf (Internet und Handyverbot) und bot ihr im Falle der Kooperation einige schmackhafte Vorteile an (Party für die Freunde nach Rückkehr, Aussicht auf Mopedführerschein). Zum Glück zeigte sich die Tochter ein wenig einsichtig, denn Folter wäre nun wirklich nicht sein Ding gewesen. Widerwillig bestieg sie den Familienwagen, auch wenn sie es fortan vorzog, in einen verbalen Streik mit den Eltern zu treten.

Ganze 38 Minuten verblieben der Familie Schönbeck jetzt noch bis zum Take-Off des Ferienfliegers. Martin wies Frau und Tochter an, die Koffer am Schalter aufzugeben, während er noch flugs das Auto auf den Langzeitparkplatz deponieren würde.

Genau acht Minuten später konnten die Wartenden im Terminal folgende Szene beobachten:

Durch die elektrische Tür des Terminalzugangs Nummer acht kam ein dunkelblonder Mittvierziger in weißem Leinenhemd und hellen Chinohosen hineingestürmt. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn und er wirkte außer Puste. Sein Blick irrte verzweifelt durch den Gang, bis er sein Ziel gefunden hatte, oder besser gesagt: das Ziel ihn gefunden hatte. An Check-In-Schalter 8 winkte ihm eine attraktive Brünette hektisch zu. Neben der stand ein gleichgültig wirkendes blondes junges Mädchen mit Fransenschnitt. Der Mann stürmte auf die beiden zu, während die Frau ihm entgegenrief:

»Maaaartiiiiin, die wollen uns nicht mehr mitfliegen lassen!«

Fortsetzung folgt


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