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Episode 3

Mathilda führte das Weinglas zum Mund und nahm einen tiefen Schluck des gut gekühlten Ciró Rosato, Jahrgang 2008. Sie atmete einmal tief durch und zündete sich eine dieser schmalen Frauenzigaretten an. Genussvoll zog sie an der Zigarette und entließ den Rauch langsam in den rötlich schimmernden italienischen Abendhimmel. Der Ausblick vom Balkon ihres Zimmers, im Hotel Santa Lucia, war aber auch sagenhaft. Gerade jetzt konnte sie beobachten, wie die blutrote Sonne im Tyrrhenischen Meer vor der Küste Kalabriens versank.

Über ein ohrenbetäubendes Zischen hätte sie sich nicht gewundert, da es so schien, als würde der große Feuerball in den Fluten des Mittelmeeres gelöscht werden. Dieses unfassbar schöne Naturschauspiel, kombiniert mit einem Glas Rosé und einem Glimmstängel, war für sie zu einem lieb gewonnen Urlaubsritual geworden. Ein Highlight des Tages, der zuvor meist Stress und Ärger bedeutete. Der Grund dafür lag mit geschlossenen Augen hinter ihr im Hotelzimmerbett. Im Schlaf wirkte der kleine Mann mit seinen feinen Gesichtszügen und den blonden Haaren wie ein Engel. Doch diese Momentaufnahme täuschte – das wusste sie nur all zu gut.

Ihr Enkel Karl, sieben Jahre alt, mit dem Mathilda bereits sechs Tage alleine in Parghelia, an der kalabrischen Küste weilte, weiß eine Großmutter auf Trab zu halten. Die jüngste Episode trug sich nachmittags am Hotelpool zu. Karl zankte sich dort mit einem anderen deutschen Jungen, mit dem er sich bisher bestens verstand, um einen roten Gummiball. Mathilda, die auf einer Liege in der Zeitung von gestern las, vernahm das Gekeife vom Pool und hatte bereits so eine Ahnung, was als nächstes Geschehen würde.

»Haben Sie den Bengel nicht unter Kontrolle?«

Der Zwist endete mit lautem Geschrei und dicken Tränen. Wieder einmal packte Karl der Jähzorn. Er gab seiner Poolkbekanntschaft eine schmeckige Backpfeife. Der etwa gleichaltrige, nun mehr ehemalige, Spielkamerad drehte ohne Umschweife und unter lautem Getöse in Richtung Eltern ab, während Karl verdutzt mit dem Ball in der Hand am Schwimmbecken stehen blieb. Mathilda seufzte und wäre am liebsten hinter ihrer Zeitung unsichtbar geblieben. Das ging natürlich nicht, schließlich hat Oma ja Pflichten und mittlerweile wussten die Leute wohl auch, zu wem der ungezogene Blondschopf gehörte. Sie legte die Lektüre zur Seite und ging straffen Schrittes auf Karl zu.

»Karrrl, was hast du jetzt wieder angestellt?«, fragte sie ihn in einer äußerst schnittigen Tonlage.
»Nix«, entgegnete ihr Enkel kurz und knapp – konnte dabei aber ihrem Blick nicht standhalten.
Bevor Mathilda zu weiteren Worten ansetzen konnte, stürzte bereits ein schmerbäuchiger Herr in enger roter Badehose auf sie zu, bereit ein öffentliches Exempel zu statuieren.
»Haben Sie den Bengel nicht unter Kontrolle oder was? Ihr Braten hat meinen Sohn geschlagen und das werde ich nicht einfach so hinnehmen!«, polterte er.

Mathilda verdrehte die Augen – eine Szene am Pool wollte sie natürlich unbedingt vermeiden. Die anderen Hotelgäste spitzten bereits in freudiger Erwartung ob des sich bietenden Spektakels die Ohren. Mathilda indes stellte sich zunächst schützend vor ihren Enkel und begann dann ruhig und sachlich mit dem Plädoyer für ihren Rabauken.

»Entschuldigen Sie bitte das Handeln meines Enkelsohnes, doch bitte beachten Sie, dass der junge Mann unter einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, leidet. Er macht es sich selbst und seiner Umwelt sehr schwer, aber es liegt an uns, diesen Nachteil auszugleichen und ihm mit Verständnis zu begegnen. Er bereut den Schlag gegen ihren Sohn außerordentlich, auch wenn er gerade nicht den Anschein erweckt. Als Zeichen der Versöhnung biete ich ihnen eine Flasche Wein an. Suchen Sie sich eine an der Bar aus und schreiben Sie es auf mich. Zimmer Nummer 42, Name Schönbeck.«

»Aufmerksamkeits-was?«

Der offene Mund und die geweiteten Augen im Gesicht des Vaters verrieten seine Verblüffung. Er war sprachlos. Damit hatte er nun nicht gerechnet und sein schwelender Wutausbruch erlosch, ohne auch nur für einen klitzekleinen Moment die Poollandschaft unterhalten zu haben. Aufmerksamkeits-was? Störung? Er verstand es zwar nicht, aber die natürliche Autorität der älteren Dame, kombiniert mit einem medizinischen Sachverhalt, nahmen ihm jeglichen Wind aus den Segeln.

»Ähhh, ja«, setzte er an. »Das mit dem AS und ihrem Enkel hört sich gar nicht gut an. Vergessen wir das einfach und ähhh, danke dann für den Lambrusco, den meine Frau und ich heute Abend trinken werden, Frau Schönbeck«, waren die Worte, die seinen Mund verließen. Bereits im Gehen, blickte er sich noch einmal um, sah Karl an und sagte an Mathilda gewandt: »Und ähhh, gute Besserung für ihren Enkelsohn dann.«

Die zurückliegende Woche in Kalabrien hatte vieler solcher Episoden. Ein gesprungener Spiegel, zerkratztes Mobiliar, kaputte Gläser und Teller, unendliche viele Beleidigungen und Wutausbrüche. Ja, Mathilda ahnte, dass dieser Urlaub mit ihrem einzigen Enkelsohn keine Wellness-Reise werden würde, doch dass es wirklich dermaßen Nerven- und kräftezehrend sei, hatte sie nicht erwartet. Wie halten das ihr Sohn Martin und seine Frau Sabine nur 365 Tage im Jahr aus und wirkt sich dieses psychische Dauerbombardement nicht auch schädlich auf seien Schwester Dorothea aus?

Kuschelpädagogik

Morgen könnte sie die drei ja fragen, denn dann würde der Rest der Familie Schönbeck seinen Urlaub beginnen und die beiden hier abholen.

ADHS. Eine Abkürzung, ein Urteil. Sie verstand davon nicht viel, meinte aber, dass mittlerweile wohl gefühlt jedes zweite Kind mit dieser Diagnose ausgestattet sei. Früher, da gab es so etwas doch nicht. Klar, unruhige und ungezogene Kinder sicherlich, aber die wurden dann durch eine harte Hand auf Linie gebracht. Mit der Kuschelpädagogik der Gegenwart konnte die 75-jährige Frau nichts anfangen. Wenn sie allein an die endlosen Diskussionen im Hause ihres Sohnes denkt. Mit einem Kleinkind diskutieren? Das erschien ihr genauso aussichtslos wie die Hoffnung auf Schnee im Sommer. Kinder haben zu spuren und Basta! Aber gut, Karl war nicht ihr Kind, und wenn die Eltern meinen, es so richtig anzugehen, dann sei es eben so, dachte sie sich. Jede Generation hat schließlich das Recht auf eigene Fehler.

Mathilda nahm einen letzten Schluck vom nunmehr warmen Rosé-Wein. Dunkelheit und Ruhe herrschten mittlerweile über dem Örtchen Parghelia. Durchbrochen lediglich von einer Dame mit pferdeartigem Lachgewieher, die wohl noch mit anderen Leuten im Restaurant des Hotels saß und von dem wunderbar sonoren Gezirpe der Grillen. Mathilda war müde. Ja, der Wein hatte ganze Arbeit geleistet und Mathilda freute sich auf ihr bequemes Bett.

Leise schlich sie sich ins dunkle Zimmer, doch irgendetwas schien hier nicht zu stimmen. Wo war das selige Geschniefe ihres Enkelsohnes, welches ihn dank seiner Polypen in Nase stets des nächtens lokalisieren ließ? Mathilda erschrak. Ihr wurde gleichzeitig heiß und kalt. Der Puls schoss in die Höhe. Wie in Trance betätigte sie den Lichtschalter und fand das Bett ihres Enkelsohnes leer.

Fortsetzung folgt


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