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Episode 2

Max brachte es nicht fertig die Augen zu öffnen. Der Kopfschmerz war auch ohne direkten Lichteinfall kaum auszuhalten. Woher er das wusste? Nun, einige Stunden zuvor war er ins Badezimmer gewankt und dafür musste er die Lider doch immerhin einen Spalt öffnen. Ihm war so schwindelig und übel, dass er sich einfach übergeben musste. Zitternd kroch er zurück ins Bett, wobei er zuvor wie irre die Vorhänge seines Hotelzimmers bearbeitete. Es half nichts. Ein kleiner Spalt blieb und durch diesen bahnte sich die katalanische Sonne unaufhaltsam ihren Weg Richtung Max.

One Way Ticket Barcelona

Er hatte keine Ahnung, wie spät es bereits sein möge. Er verdammte sich und den gestrigen Abend. Doch, natürlich war es gut gewesen. Ganz bestimmt. Und wenn sich der Kater verflüchtigt hätte, würde er mit einem zufriedenen Grinsen auf dem Gesicht an diese Nacht zurückdenken. Woran genau, das war im Moment noch nicht ganz so klar.

Erst gestern kam er dank eines wirklich günstigen Fluges, direkt aus Paderborn eingeflogen. So wurde es Barcelona, hätte aber auch jede andere europäische Metropole sein können. Max war das erst einmal egal. Er wollte nur noch weg. Alles hinter sich lassen und was eignet sich dafür besser als ein One Way Ticket in den Süden? Sein letztes Semester an der Georg August Universität zu Göttingen war gerade beendet, die finalen Prüfungen geschrieben und seine Freundin Jennifer verkündete ihm überraschend, bereits länger eine Affäre mit seinem Freund Jakob zu haben. Perfekt! Zukunft ungewiss, Freundin schläft mit dem besten Freund und es ist Sommer. Dazu noch seine Pädagogen-Eltern, die bereits ganz klare Vorstellungen davon hatten, in welcher Schule der Sprössling sein Referendariat zu absolvieren hätte. Max ließ Jennifer, nunmehr Ex-Freundin, Eltern und Uni verblüfft zurück und stieg in den Flieger mit Ziel Barcelona. Eine zentral gelegene Unterkunft war ebenso rasch gefunden. Das Hotel del Mar bot ein solides Preis-Leistungsverhältnis und die Netzgemeinde gab ihm nach Kurzrecherche in den einschlägigen Fachseiten ein gutes Gefühl.

Der blaue Aerobus brachte ihn rasch und günstig zum Plaça de Catalunya, direkt hinein in das Herz dieser fantastischen Stadt. Den Rest Weges, der ihn durch das gotische Viertel führte, nahm er zu Fuß. Nachdem Max ins Hotel eingecheckt und seinen Reiserucksack in die Ecke geworfen hatte, setzte er sich aufs Hotelbett und atmete einmal tief durch. Was sollte diese Flucht bringen, fragte er sich. Es war so ganz und gar Max untypisch. Er, der in seinem Leben immer geradeaus gegangen ist und dabei stets aufrichtig und ehrlich war und eigentlich immer alles tat, worum ihn andere baten, bricht nun einfach aus? Er konnte es selbst nicht fassen, doch ebenso wenig konnte er den Zusammenbruch seiner kleinen heilen Welt verstehen. Jennifer und er, das war doch was für die Ewigkeit! Mit Paul und Judith standen doch bereits die Namen für zukünftigen Nachwuchs fest.

Verdammt! Ja, er war in letzter Zeit sehr beschäftigt gewesen, aber das sie dann gleich mit Jakob? Ausgerechnet Jakob! Er mochte ihn, war er doch so etwas wie der Bruder, den er nie hatte. Und dann auch noch diese große Unbekannte, die sich Zukunft nennt. Hatte er wirklich Lust Kindern gegenüberzutreten, die von zu Hause aus bereits mit einer Mitgliedschaft im Debattierklub ausgestattet waren? Die sich nichts mehr sagen lassen? Denen soll er Goethe, Schiller und Brecht näher bringen? In Zeiten von Verbalgrätschen wie Bushido und Sido? Oh Gott, er musste aus diesem Zimmer raus, aber ganz schnell. Seine Gedanken drohten ihn aufzufressen, sein Kopf zu platzen.

La Oveja Negra

Ziellos irrte er durch die abendlichen Straßen Barcelonas. Vorbei an den alten Männern, die wie Relikte aus einer längst vergangenen Zeit vor den Tapas-Bars saßen und sich unterhielten. Sein Weg führte ihn direkt in eine Bar namens »La OvejaNegra«. Spanisch konnte er so gut wie überhaupt nicht, aber das »schwarze Schaf« und er schienen sich gesucht und gefunden zu haben.

Die klassisch eingerichtete Bierbar, mit ihrer ausgelassenen Atmosphäre war genau das, wonach er unbewusst gesucht hatte. Die krachende Musik, das laute Stimmengewirr und die klirrenden Sangriakrüge waren für ihn wie eine warme herzliche Umarmung. Max bahnte sich seinen Weg durch die Massen in Richtung Bar. Endlich war der Moment gekommen, einen seiner wenigen spanischen Sätze einmal in der Praxis zu erproben.

“Una cerveza por favor”, lautete dieser und er fügte weltgewandt hinzu “and one Jägermeister.”
Diese Satzfolge sollte er im Laufe des Abends noch des Öfteren benutzen. Der Alkohol tat seinen Dienst und vertrieb die plagenden Gedanken aus seinem Kopf und schaffte Platz für die Gegenwart. Diese sah so aus: Max fand sich ziemlich schnell inmitten einer angeheiterten Clique wieder und redete – auf Englisch selbstverständlich – sich kreuz und quer durch die sich ihm bietenden Gesprächspartner. Highlight dabei war sicherlich die hitzige Debatte, die Max startete, nachdem er sein Unverständnis über den hiesigen Dualismus zwischen Spanisch und Katalanisch zum Ausdruck brachte. Mehrere Vorträge von Alejandro und Manolo über die nötige Unabhängigkeit der Katalanen von Spanien und diversen Bieren nebst Jägermeister später, begann Max´ Filmrolle zu flackern und letztlich zu reißen. Nun war gar kein Gedanke mehr in seinem Kopf greifbar. Einzelne Blitzlichter von einer hellen Straße, die durch lautes Gekichere untermalt waren, sollten die letzten Bildfetzen dieser Nacht in der spanischen Metropole sein.

Good Morning?

Der Alarmton seines Handys meldete sich. Er hatte also vergessen den Wecker zu deaktivieren. Immerhin wusste Max nun, wie spät es ist, ohne auch nur einen Blick riskieren zu müssen. 9:45 Uhr, die Weckzeit von gestern, bevor es hieß Sachen zu packen und abzuhauen. Während seine Hände nach dem scheußlichen Geräusch fahndeten, um diesem den Garaus zumachen, da es seine Kopfschmerzen im exorbitanten Maße wachsen ließ, ertönte eine Stimme im Zimmer.

“Maaaaaax! Jetzt mach doch mal diesen Lärm aus”, sagte die Frauenstimme. Max erschrak, öffnete panikartig die Augen und blickte auf die vermeintlich leere Seite des großen King-Size-Bettes, die gar nicht so einsam war, wie er dachte. Er sah einen dunklen Lockenkopf und hatte keine Ahnung, wer sie war, woher sie ihn kannte und wie sie in sein Bett gelangte.

Fortsetzung folgt

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