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Episode 15

Was bisher geschah:

Jessica hatte Roland verlassen. Während sie am Hafen von Alcudia auf Max traf, bekam Roland einen Tobsuchtsanfall, nachdem er ihr Verschwinden realisierte. Er war noch nicht fertig mit ihr und außerdem hatte sie noch etwas in ihrem Besitz, das für Roland von äußerster Wichtigkeit war. Er setzte den zwielichtigen Sergej auf sie an. Doch wer ist eigentlich Sergej und woher kannte ihn Roland? Die Antwort darauf gibt es in der heutigen Episode, deren Handlung vor zwei Jahren spielt.

Steine, nichts als Steine

Was hatte er nicht schon alles auf dieser Fahrt erlebt. Die Pyramiden von Gizeh und das Ägyptische Museum in Kairo. Langweilig! Was die Menschen an diesem alten Mist so interessant finden? Ihm kam nie in den Sinn sich darüber zu wundern, wie die Leute diese irrsinnigen Bauwerke vor mehr als 4000 Jahren errichtet haben könnten. Waren halt noch richtige Hucker, dachte sich Roland. Und dann diese Masse an Tempeln, die sich entlang des Nils befanden. Er hatte den Überblick verloren. Karnaken-Tempel? Ed-watt-Tempel? Und dann noch irgendeiner dessen Name sich anhörte wie ein Helden aus Kindertagen, Hatschipuh? Auch egal. Alles nur langweilige Steine, die irgendwelche Deppen, weit vor seiner Zeit, übereinandergestapelt hatten. Bisher war Ägypten und diese Nilkreuzfahrt einfach die pure Zeitverschwendung gewesen. Er tat es Jessica zur Liebe, die allen Ausführungen der Reiseleitung gespannt und aufmerksam lauschte und besonders von der ägyptischen Mythologie begeistert war. Jeden Abend konnte er sich jetzt irgendwelchen Quark über Osiris, Horus, Ozymandias und all diesen anderen verrückten Vögeln anhören. Fürchterlich! Konnte seine Freundin nicht irgendeine dämliche Soap im Fernsehen schauen, statt diesen Schwachfug hier runterzubeten?

In Abu Simbel war seine Stimmung auf dem Tiefpunkt angelangt. In aller Herrgottsfrühe bestieg er mit Jessica und all den anderen Geschichtsfreaks einen Bus, der sie vier Stunden durch die Tristesse der Lybischen Wüste karrte und vor einem riesigen Gesteinsblock im Nirgendwo ausspuckte. Solch wahnwitzige Unternehmungen würde er einzig und allein für seinen HSV unternehmen. Da war es auch voll und die Leute stanken, aber es gab wenigstens Bier und irgendwann Fußball. In Abu Simbel gab es hingegen lediglich Säulen aus Stein, Figuren aus Stein, Stein aus Stein und Massen an Spinnern die sich durch dieses wahnwitzige Steinlabyrinth schubsten. Nachdem Roland in einem der engen Gänge die Spiegelreflexkamera von einem dieser Idioten, die versuchten, jeden auch noch so kleinen Mistkäfer im Bild festzuhalten (Pardon, dieses eklige Getier trägt ja hier den euphemistischen Namen Skarabäus und soll angeblich Glück bringen) gegen den Kopf bekam, reichte es ihm. Er setzte sich vor die Tempelanlage hin, schmollte und vernichtete einen nicht unerheblichen Teil seiner Zigarettenvorräte. Ihn hielt einzig der Gedanke an die zweite Woche ihrer Ägyptenreise am Leben. Sonne, Strand und Drinks am Roten Meer!

Eine Hirnkoralle hatte es Roland angetan

Zehn Uhr am Vormittag. Die Poolbar hatte gerade geöffnet und Roland holte sich sein erstes dünnes Bier des Tages. Triumphierend prostete er Jessica zu.
»Wie ein Traum aus 1001 Nacht«, lautete sein Trinkspruch und ein breites Grinsen erhellte sein Gesicht, schließlich hieß ihr Hotel in Hurghada ja auch so – Hotel 1001 Nacht. Jessica sah das gar nicht gerne, aber schließlich hatte er die ägyptische Erkundungswoche auch tapfer ertragen und da wollte sie jetzt mal nicht so sein. Während sie es sich am Strand mit Arthur Conan Doyles Thriller »Tatort Ägypten« gemütlich machte, sauste Roland mit Schnorchel und Taucherbrille bewaffnet in Richtung Wasser.

Das Riff, welches sich ein wenig abseits vor dem Hotel im Meer befand, war nicht mehr im allerbesten Zustand. Viele Korallen waren abgestorben und dadurch glich das Riff bereits mehr einer kargen Mondlandschaft, als einem irren LSD-Farbrauschtraum, den man noch bei den größeren Riffen im Tiefen erfahren konnte. Doch an einigen Stellen tobte immer noch das bunte Treiben. Farbenfrohe Fische tummelten sich da und kleinere Korallenkolonien türmten sich zu herrlichen Fantasieschlössern auf. Ein besonders hübsches Hirnkorallenexemplar hatte es Roland angetan. Flankiert wurde es durch rhytmisch schwingende Seeanamonen, in denen Familie Nemo lebte. Er fixierte das Ziel und bahnte sich seinen Weg, bereit, die Koralle als Souvenir einzusacken. Gerade in dem Moment ,wo er zugreifen wollte, kamen ihm zwei andere Hände zuvor. Diese gingen äußerst rasch, grob und präszise vor und in weniger als einem Augenaufschlag war die Koralle aus ihrem natürlichen Lebensraum herausgebrochen und befand sich auf dem Weg an die Wasseroberfläche. Roland war sauer, schließlich hatte er dies farbenprächtige Unterwasserdingens bereits als sein Eigentum betrachtet. Voller Wut über den Diebstahl seiner Koralle, nahm er die Verfolgung auf. Oben, an der Riffkante, stellte er den Gauner, der sich gerade gemütlich auf das Riff stellte und seinen Fang im Sonnenlicht bewunderte. Das Bändchen an seinem Handgelenk verriert, dass er Gast im Beach Albatros Resort war. Die beeindruckend definierte Muskulatur und die stattliche Körpergröße des Korallendiebes schüchterten ihn schon ein klein wenig ein, aber die paar Bier von vorhin reichten noch für eine gute Portion Mut aus.

»Du gefällst mir. Du hast Eier«

»Hey Arschloch, das war meine Koralle!«, eröffnete er das Gespräch und stieg dabei ebenfalls aufs Riff.
»Ah, ja?«, war dessen knappe Antwort im russisch gefärbten Akzent.
»Ja Mann, ich hab die zuerst gesehen und wollte das Teil meiner Kleinen mitbringen.«
»Tja, Pech Du hast. Jetzt ist es meine Koralle und Du kannst Dir suchen Neue.«
»Einen Scheiß werd ich, immerhin hab ich meine Koralle ja schon gefunden. Du hast wohl ordentlich Appetit auf eine große Portion Backenfutter?«
»Du Huhn willst schlagen mich?«, fragte der Russe, der diese Möglichkeit für vollkommen abwegig hielt und daher in lautes Gelächter verfiel. Derartige Erfahrungen lagen einfach zu lange zurück. Heute war niemand mehr so lebensmüde, sich ihm in den Weg zu stellen. Der Mut des Deutschen gefiel ihm.
»Ivan, treib´s nicht zu weit! Entweder Du gibst mir das Teil jetzt freiwillig oder ich polier Dir die Kauleiste!«, ließ ein nun bereits jähzornig werdender Roland den Russen wissen und näherte sich dem Hünen. Als dieser wieder nur lachte, kniff Roland die Lippen zusammen, holte aus und pfefferte eine schmeckige Rechte in Richtung Kinn des Gegners – zumindest hätte der Schlag das Kinn getroffen, wenn der Russe diesen Angriff nicht wie eine lästige Fliege wegwischte hätte. Roland geriet dabei aus dem Gleichgewicht und prallte mit voller Wucht auf das Riff. Einige Korallen brachen dabei ab und er zog sich eine böse Schnittverletzung am Bauch zu. Das Wasser um ihn herum wurde von seinem Blut rot gefärbt.

Der Russe beugte sich über ihn und reichte ihm die Hand.
»Du gefällst mir. Du hast Eier. Komm, ich helfe dir. Du müssen raus aus Wasser bevor Haie kommen. Und guck, Aufregung war nix wert«, sagte er und zeigte Roland die Koralle, die mittlerweile ihre grelle Farbe eingebüst hatte und jetzt im tristen grau erschien. Er warf sie ins Wasser und beide begannen zu lachen.
»Komm, lass uns Wodka trinken gehen. Hilft gegen alle Wunden. Ich bin Sergej«, sagte der Hühne, als er Roland aus dem Wasser half.

Fortsetzung folgt


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