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Episode 1

Roland gab unadressierte Hasstiraden von sich. Jessica schenkte seinem Wutausbruch keine Beachtung. Sein cholerisches Verhalten war ihr nur allzu gut vertraut. Dennoch lag Kummer in ihrem hübschen Sommersprossen gesprenkeltem Gesicht. Kein Wunder, schließlich waren sie gerade erst in der Finca Sa Pletassa auf Mallorca angekommen. Ebenso hätten sie natürlich auch für das Hotel Be Live Punta Amer oder das Hipotels Bahia Grande entscheiden können. Doch sie bevorzugten die ruhige Lage des Fincahotels. La Luminosa, die Leuchtende, wie Mallorca auch gerne genannt wird, sollte ihre Beziehung zu Roland in gewisser Weise erhellen. Doch Jessicas Wunsch nach Harmonie schien bereits wie eine Seifenblase zu zerplatzen.

Begegnung auf der Fanmeile

Die 25-jährige Zahntechnikerin aus Berlin, lernte den sechs Jahre älteren Roland Bork 2006 auf der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor kennen. Er war sofort ihr Held gewesen, nachdem er sie vor einer Gruppe angetrunkener Fußballfans rettete. Johlend hatten diese das schüchterne Mädchen am Rande des Tiergartens bereits umzingelt. Ihre beste Freundin Vivian amüsierte sich derweil mit ihrem Freund und bekam von den Geschehnissen nichts mit. Aus einem für Jessica höchst unangenehmen Trashtalk entwickelte sich eine bedrohliche Situation, als einer der Deutschlandtrikotträger zudringlich werden wollte.

Seinen Kussversuch wehrte sie, von Panik getrieben, durch einen kräftigen Stoß ab. Dabei ergoss sich jedoch das des Fußballliebhabers liebstes Getränk über sein Ballack-Trikot. Seine Freunde johlten und dem berauschten Jüngling stieg die Zornesröte ins Gesicht. Als er gerade zu einer Ohrfeige gegen die Blondine ausholen wollte, welche bereits schützend die Hände vor ihrem Gesicht in Position brachte, wurde er durch eine kräftig zupackend Hand, die seinen Arm wie einen Schraubstock umschloss, an der Durchführung seiner Aktion gehindert. Entgeistert blickte er zu Seite. Die Hand, die ihn da gepackt hatte, gehörte zu einem etwa 1,90 Meter großen und muskulösen Hünen. Unterhalb des kurzen blonden Haaransatzes durchbohrten Ballack zwei eiskalte blaue Augen. Egal wie betrunken er auch gewesen sein mag, er begriff in diesem Moment, dass Widerstand hier zwecklos wäre. Seine Freunde hatten bereits den Rückzug angetreten und auch er ließ den Arm fallen und wollte rasch das Weite suchen.

Der Hüne gab dem Frauenbelästiger noch einen klatschenden Schlag auf den Hinterkopf, bevor er sich an das Mädchen wendete und ihr die Hand reichte. Noch zitternd, aber voller Dank nahm sie seine Pranke entgegen. “Hübsche Mädchen wie du sollten sich hier nicht alleine rumtreiben”, sagte ihr Retter zu ihr. Ganz gleich, wie klischeehaft dieser Satz war – ihr Ritter tauchte im richtigen Moment auf. Sie nickte und als 90 Minuten später Oliver Neuville nach Flanke von David Odonkor den 1:0-Treffer für die deutsche Auswahl gegen Polen markierte und ganz Deutschland mitsamt der jubelnden Kanzlerin ausflippte, da nahm Roland Jessica in den Arm. Niemals zuvor fühlte sie sich so geboren und sicher wie an diesem Mittwoch im Sommer 2006.

Mallorca Reise ins Glück?

“Wo sind meine verdammten Flip-Flops?”, herrschte Roland Jessica an.
“Zweites Fach außen, im braunen Koffer”, antworte sie ganz ruhig.
“Himmelherrgott noch mal Mädchen, da kann ich mir ja einen Wolf suchen”, entgegnete er, statt des zu erwartenden Dankes. Jessica war das gewohnt, doch hoffte sie, Roland auf ihrer Mallorca Reise wieder als den Helden zu erleben, der er einst für sie war. Ihr Mallorca Flug stimmte sie dahin gehend zuversichtlich. Nachdem Roland kurz vor Start des Fliegers sein Smartphone ausgeschaltet hatte, schenkte er ihr all seine Aufmerksamkeit. Er schwärmte von den üppig verzierten Stalaktiten und Stalagmiten, die in den Höhlen von Campanet zu finden sind. Berichtete vom idyllischen Bergdorf Valldemossa, welches durch einen Aufenthalt des polnischen Komponisten Chopin und der französischen Schriftstellerin George Sand Berühmtheit erlangte. Und versetzte sie in Urlaubsfeeling pur, als er von den vielen kleinen malerischen Buchten der Ostküste Mallorcas sprach. Sie genoss seine Zuwendung, da dies in letzter Zeit eher selten der Fall war. Erst später, nachdem Roland einen Remy Martin und ein Heineken die Kehle hinuntergespült hatte und daraufhin in einen komatösen Schlaf gefallen war, fragte sich Jessica, woher er eigentlich sein Wissen über die Baleareninsel hatte. Zusammen waren sie jedenfalls noch nicht auf Mallorca gewesen und in einem Buch lesend hatte sie ihn noch nie erlebt. War er vor ihrer gemeinsamen Zeit bereits einmal da gewesen? Sie nahm sich fest vor, ihn danach zu fragen.

Wo ist die Karte?

Die Stimmung blieb heiter. Nachdem sie ihr Gepäck in Empfang genommen hatten und den zuvor günstig im Internet reservierten Mietwagen übernahmen, fuhren die beiden via Campos und Felantix nach S’Horta. Jessica war beeindruckt von der mallorquinischen Landschaft. Sie konnte nicht verstehen, wie man hier allein des Partymachens wegen herfahren würde.

Der Ärger begann, als sich Roland des richtigen Weges unsicher war, ja, er hatte sich offenbar verfahren. Statt in S’Horta erblickten die beiden bereits das Ortseingangsschild von Cala d’Or. Nachdem Roland zwei Kreisverkehre passiert hatte, brachte er den Wagen zum Stehen und wandte sich zerknirscht an Jessica:

“Jessi kannst du einmal kurz in die Karte schauen und mir sagen, wo wir hätten abbiegen müssen? Zur Orientierung: rechts geht hier die Calle de Vedra…”
“Welche Karte meinst du denn?”, unterbrach sie ihn.
“Na, da wird doch wohl eine Straßenkarte von Mallorca im Handschuhfach liegen!”
Jessica schaute nach und schüttelte den Kopf.
“Na prima, keine Karte und somit kein Plan, wie wir jemals unsere Finca finden sollen. Wirklich spitze!”
“Komm Roland, so schlimm ist das nicht, wir fragen einfach nach dem Weg”, schlug sie, immer noch gut gelaunt, dem Miesepeter am Steuer vor.
“Bevor ich nach dem Weg frage, fängt es auf Mallorca an zu schneien. Das kannste vergessen.”
“Letzten März hat es hier wohl sogar recht heftig geschneit…”
“Verschon mich mit deinem Klugscheißer-Gelaber. Schau mal, da vorne. Der sieht aus wie der typisch deutsche Mallorca-Urlauber, frag du den Vogel mal.”

Roland setzte den Wagen wieder in Bewegung und hielt genau auf Höhe eines älteren Herren, der neben einem Sonnenhut auch eine beachtliche Plautze mit sich trug und ließ das Fenster der Beifahrerseite hinuntergleiten.
“Entschuldigen Sie, sprechen Sie deutsch?”, fragte Jessica den Mann schüchtern.
“Nu kloar, seit meinem zwooten Lebensjoar und Sie Fräulein?”, antwortete dieser im breitesten sächsischen Dialekt.
“Äh ja”, stammelte Jessica. “Können Sie uns vielleicht sagen, wie wir nach S’Horta kommen?”
“Nu kloar. Das ist goar kein Probläm. Ihr dreht hier rasch um, verlasst Kalla Dooor wieder auf der Hauptstraße, foahrt durch Kalonsche durch und nehmt danach sofort die nächste Abfoahrt noch Sooorta.”

Jessica bedankte sich. Roland gab dem Wagen unnötigerweise die Sporen. Reifen quietschen. Der sächsische Mallorca Tourist machte einen Satz zur Seite und Jessica wollte sich voller Scham am liebsten in Luft auflösen.
“Sachsen. Egal wo du hinkommst, dieses elende Pack ist mitsamt ihres scheußlichen Singsangs bereits da”, gab Roland angewidert von sich.
“Denk bitte daran, dass mein Vater auch zu diesem elenden Pack gehört.”
“Ich weiß Süße, durch dein Verhalten erinnerst du mich immer wieder daran, das du diese Hinterwäldergene in dir trägst.”
Jessica musste schlucken. Sie war sprachlos.

Fortsetzung folgt

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